Gesundheit & mentale Balance · Sekundarstufe I/II · NRW

Stressmanagement & Achtsamkeit – Mit Stress umgehen lernen

Stress hat einen schlechten Ruf – zu Unrecht. In der richtigen Dosis macht er wach, konzentriert und leistungsfähig. Erst wenn er zu groß wird oder zu lange anhält, kippt er ins Schädliche. Entscheidend ist deshalb nicht, Stress zu vermeiden, sondern ihn zu verstehen, früh zu erkennen und gesund zu steuern. Genau das lässt sich lernen – und der Schulsport ist dafür ein idealer Ort.

Grundlage: Eustress/Distress & Allgemeines Anpassungssyndrom (Selye) Bezug: NRW – Gesundheit fördern, Gesundheitsbewusstsein entwickeln Ansatz: Stress regulieren lernen statt nur aushalten

Überblick

Nicht der Stress ist das Problem – sondern der Umgang mit ihm

Klassenarbeiten, Wettkämpfe, Auftritte, Streit, ständige Erreichbarkeit: Stress ist fester Bestandteil des Jugendalltags. Doch Stress ist zunächst eine sinnvolle, uralte Schutzreaktion des Körpers. Problematisch wird er erst, wenn er dauerhaft wird und keine Erholung folgt. Diese Seite macht Stress verstehbar und liefert konkrete Werkzeuge, um ihn zu regulieren.

Stress ist eine Anpassungsleistung: Der Körper mobilisiert blitzschnell Energie, um auf eine Herausforderung zu reagieren. Diese Reaktion hat dem Menschen über Jahrtausende das Überleben gesichert – sie ist kein Defekt, sondern ein Leistungssystem.
Lebensweltbezug der Lerngruppe: Prüfungsangst, Leistungsdruck, Social-Media-Vergleiche und Schlafmangel sind reale Themen Jugendlicher. Stresskompetenz ist damit hochaktuell und anschlussfähig – und ein Schutzfaktor für die psychische Gesundheit.
Anschluss an den Bildungsauftrag: Die NRW-Perspektive „Gesundheit fördern, Gesundheitsbewusstsein entwickeln“ nennt das Wahrnehmen und Regulieren von Anspannung ausdrücklich als Aufgabe des Schulsports. Entspannungsfähigkeit ist eine erlernbare Kompetenz.
Leitidee: Ziel ist nicht ein stressfreies Leben, sondern Stresskompetenz: die eigene Anspannung wahrnehmen, einordnen und bewusst herunterregulieren zu können. Dieselbe Haltung wie bei Belastung & Erholung – diesmal von der mentalen Seite gedacht.
Teil A Was ist Stress? Die Grundlagen verständlich aufbereitet: guter und schlechter Stress – und was im Körper dabei passiert.

Abschnitt 1

Eustress & Distress – guter und schlechter Stress

Nicht jeder Stress schadet. Die Wissenschaft unterscheidet zwischen anregendem und überforderndem Stress. Der Unterschied liegt oft weniger in der Situation selbst als in ihrer Bewertung und in der eigenen Vorbereitung.

Eustress & Distress Eustress (von griech. eu = gut, wie in „Euphorie“) ist anregender, positiver Stress: Er gibt Energie, schärft die Konzentration und hilft, Herausforderungen zu meistern. Distress ist überfordernder, negativer Stress: Er entsteht bei zu hoher oder zu langer Belastung und beeinträchtigt Gesundheit und Leistung.
Dieselbe Lage – zwei Wirkungen: Ein Wettkampf, eine Präsentation oder eine Achterbahnfahrt kann für die eine Person aufregend (Eustress), für die andere bedrohlich (Distress) sein. Sogar bei derselben Person entscheidet die Tagesform: Eine gut vorbereitete Klassenarbeit erzeugt Eustress, eine schlecht vorbereitete Distress.
Das richtige Maß zählt: Zu wenig Anforderung führt zu Langeweile und Unterforderung, zu viel zu Überforderung. Optimale Leistung und Wohlbefinden liegen dazwischen – ein anschauliches Modell für die Selbsteinschätzung in der Lerngruppe.
Bewegung macht stressresistenter: Regelmäßige, moderate körperliche Aktivität ist selbst ein milder Stressreiz – und trainiert genau dadurch die Fähigkeit, mit künftigen Belastungen besser umzugehen. Hier schließt der Schulsport unmittelbar an.
Reframing als Schlüssel: „Ich bin nervös“ lässt sich umdeuten in „Mein Körper macht sich bereit“. Schon diese mentale Verschiebung kann Lampenfieber von einer Bedrohung in nutzbare Energie verwandeln – eine einfache, wirksame Strategie für Schülerinnen und Schüler.
Infografik Die Stresswaage – eine Wippe mit Eustress auf der einen und Distress auf der anderen Seite. Eustress steht für anregenden, motivierenden Stress, der Energie gibt und beim Meistern von Herausforderungen hilft. Distress steht für überfordernden Stress, der die Gesundheit und Leistung beeinträchtigt. Dieselbe Situation kann je nach Person und Vorbereitung Eu- oder Distress auslösen. Ziel ist die Balance: das richtige Maß an Stress – nicht zu wenig, nicht zu viel.
Modell Die Stresswaage – Eustress und Distress Antippen zum Vergrößern & Zoomen

Abschnitt 2

Das Allgemeine Anpassungssyndrom – drei Phasen der Stressreaktion

Der Stressforscher Hans Selye beschrieb, wie der Körper in drei Phasen auf anhaltenden Stress reagiert. Das Modell macht sichtbar, warum dauerhafter Stress ohne Erholung in die Erschöpfung führt – und warum frühes Gegensteuern so wichtig ist.

Phase 1 – Alarmreaktion: Der Körper erkennt die Herausforderung und schaltet in Sekunden auf „Kampf oder Flucht“: Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, Herzschlag und Atmung beschleunigen, die Muskeln spannen an. Du bist hellwach und handlungsbereit.
Phase 2 – Widerstandsphase: Hält der Stress an, passt sich der Körper an und arbeitet auf erhöhtem Niveau weiter. Das funktioniert eine Weile gut – verbraucht aber dauerhaft Energie, die eigentlich für Erholung und Entwicklung gebraucht würde.
Phase 3 – Erschöpfungsphase: Fehlt die Erholung dauerhaft, sind die Reserven irgendwann aufgebraucht. Folgen sind anhaltende Müdigkeit, Infektanfälligkeit, Schlaf- und Konzentrationsprobleme. Hier zeigt sich die direkte Brücke zum Thema Belastung & Erholung: Ohne Regeneration kippt jedes System.
Konsequenz: Je früher man die Übergänge bemerkt, desto leichter lässt sich gegensteuern. Stresskompetenz heißt deshalb vor allem: die eigenen Signale rechtzeitig wahrnehmen – das Thema des nächsten Teils.
Grafik zum Allgemeinen Anpassungssyndrom (GAS) nach Hans Selye mit drei Phasen: 1. Alarmreaktion – der Körper erkennt den Stressor, schüttet Adrenalin und Cortisol aus, Herzschlag und Muskelspannung steigen. 2. Widerstandsphase – der Körper passt sich an und arbeitet auf erhöhtem Niveau weiter. 3. Erschöpfungsphase – bleiben Stress und fehlende Erholung bestehen, sind die Reserven aufgebraucht, es drohen Müdigkeit, Infekte und Erkrankungen.
Modell Das Allgemeine Anpassungssyndrom – Alarm, Widerstand, Erschöpfung Antippen zum Vergrößern & Zoomen
Teil B Stress erkennen Was Stress auslöst, wie der Körper reagiert – und warum es auf die Summe der Belastungen ankommt.

Abschnitt 3

Stressoren – was im Schulalltag Stress auslöst

Ein Stressor ist alles, was eine Stressreaktion auslöst. Sie zu kennen und zu benennen ist der erste Schritt zur Bewältigung – denn man kann nur steuern, was man wahrnimmt.

Typische Stressoren im Jugendalltag – nach Bereichen geordnet.
BereichBeispiele
KörperlichSchlafmangel, Hunger, Krankheit, Lärm, Hitze/Kälte, Übertraining und körperliche Überlastung
Leistung & SchuleKlassenarbeiten, Prüfungsangst, Noten- und Zeitdruck, Angst zu versagen, Auftritte vor anderen
SozialStreit, Mobbing, Ausgrenzung, Gruppendruck, Erwartungen von Eltern und Freunden
DigitalStändige Erreichbarkeit, Vergleich in sozialen Medien, Angst etwas zu verpassen (FOMO), nächtliche Bildschirmzeit
Sport & WettkampfWettkampfdruck, Beobachtung durch Zuschauer, Vergleich mit anderen, Sorge sich zu blamieren
Beeinflussbar oder nicht? Eine hilfreiche Sortierung: Manche Stressoren lassen sich verändern (Lernorganisation, Schlafzeiten, Mediennutzung), andere nicht (Wetter, Verhalten anderer). Bei Letzteren lässt sich immerhin die eigene Reaktion verändern – ein zentraler Bildungsschritt.
Digitaler Stress als wachsendes Thema: Der ständige Vergleich in sozialen Medien und die Angst, etwas zu verpassen, erzeugen einen subtilen Dauerstress. Hier verbindet sich das Thema mit „Digitale Balance“ und mit dem Schlafthema – Bildschirmzeit am Abend ist ein doppelter Stressfaktor.
Reflexionsanlass für den Unterricht: „Welche drei Dinge stressen mich aktuell am meisten? Welche davon kann ich beeinflussen?“ Diese einfache Übung macht Stress besprechbar, ohne bloßzustellen – ideal anonym per Kärtchen oder digitalem Tool.

Abschnitt 4

Körpersignale – wann Stress zu viel wird

Stress zeigt sich körperlich, lange bevor wir ihn bewusst „denken“. Wer seine eigenen Signale kennt, kann früh gegensteuern – bevor aus Anspannung Distress wird.

Grafik „Stress im Körper“ – Darstellung körperlicher Stressreaktionen am menschlichen Körper: Kopfschmerzen und angespannter Kiefer, schnellerer Herzschlag und steigender Blutdruck, flache und schnelle Atmung, verspannte Nacken- und Schultermuskulatur, schwitzende Hände, flaues Gefühl und verlangsamte Verdauung im Magen-Darm-Bereich, mehr Zucker im Blut zur Energiebereitstellung. Diese Reaktionen sind kurzfristig sinnvoll, bei Dauerstress jedoch belastend.
Übersicht Stress im Körper – körperliche Stressreaktionen erkennen Antippen zum Vergrößern & Zoomen
Akute und chronische Stresszeichen – kurzfristige Reaktion und langfristige Folgen.
Akut (sofort)Chronisch (bei Dauerstress)
Schnellerer Herzschlag, flache AtmungWiederkehrende Kopf- und Rückenschmerzen
Muskelverspannung in Nacken und SchulternEin- und Durchschlafstörungen
Schwitzige oder kalte Hände, ZitternGeschwächtes Immunsystem, häufige Infekte
Flaues Gefühl im Magen, trockener MundVerdauungsprobleme, anhaltende Müdigkeit
Konzentrationsverlust, GereiztheitAntriebslosigkeit, Grübeln, Selbstzweifel

Merksatz für die Lerngruppe: Lerne, deinen Körper zu „lesen“. Wo spürst du Stress zuerst – im Bauch, im Nacken, im Atem? Dieser persönliche Frühwarnpunkt ist dein wichtigstes Signal zum Gegensteuern.

📄 Arbeitsblatt: Wie wirkt sich Stress bei mir aus? →

Abschnitt 5

Das Stressglas – warum es auf die Summe ankommt

Ein anschauliches Bild für die Lerngruppe: Jeder Mensch trägt ein „Stressglas“ in sich. Jeder Stressor füllt es ein Stück. Entscheidend ist nicht der einzelne Tropfen, sondern der Füllstand – und ob das Glas regelmäßig geleert wird.

Das Stressglas (Stress-Eimer-Modell) Belastungen aus Schule, Sport, Familie, Freundeskreis und Medien sammeln sich wie Wasser in einem Glas. Ist es voll, bringt schon eine Kleinigkeit es zum Überlaufen – die Reaktion wirkt dann „übertrieben“, ist aber Folge des Gesamtfüllstands. Entspannung, Bewegung, Schlaf und gute Beziehungen sind der Ablauf, der das Glas wieder leert.
Erklärt scheinbar „grundlose“ Ausbrüche: Wenn jemand wegen einer Kleinigkeit weint oder wütend wird, war das Glas meist schon voll. Das Modell schafft Verständnis – für andere und für sich selbst – und nimmt Schuldgefühle.
Macht die Gesamtbelastung sichtbar: Schule, Verein, Nebenjob, Familie und Social Media zahlen alle in dasselbe Glas ein. Gerade die Kombination – nicht ein einzelner Faktor – führt zur Überlastung. Das deckt sich mit der Übertrainings-Logik aus dem Erholungsthema.
Handlungsorientiert: Zwei Hebel ergeben sich direkt: weniger einfüllen (Stressoren reduzieren) und mehr ablaufen lassen (regelmäßig entspannen und erholen). Beide lassen sich konkret üben – siehe Praxisecke.
Grafik Das Stressglas – Darstellung des Stressglas-Modells mit Flüssigkeit, die sich aus verschiedenen Quellen (Schule, Sport, Familie, Medien, Freundeskreis) ansammelt. Zeigt, wie die Summe aller Belastungen entscheidend ist, nicht die einzelnen Stressoren.
Modell Das Stressglas – Gesamtbelastung verstehen Antippen zum Vergrößern & Zoomen

📄 Arbeitsblatt: Mein Stressglas →

Teil C Stress bewältigen Vom Wissen zum Handeln: die Grundlagen der Widerstandskraft, mentale Strategien und der Weg zu Hilfe.

Abschnitt 6

Die Grundlagen der Widerstandskraft

Bevor es um spezielle Techniken geht, zählt das Fundament. Wer ausreichend schläft, sich regelmäßig bewegt und ausgewogen isst, füllt sein „Stressglas“ langsamer und leert es schneller. Diese drei Säulen wirken zusammen.

8–10 hempfohlener Schlaf für Jugendliche – die wirksamste Erholung überhaupt
~30 minmoderate Bewegung täglich senken nachweislich das Stressniveau
3Säulen: Schlaf, regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung
Schlaf zuerst: Keine Maßnahme erholt umfassender. Schlechter Schlaf verstärkt Stress, guter Schlaf baut ihn ab. Details und die Hintergründe zum Jugend-Schlafrhythmus finden sich im Thema Schlaf & aktive Erholung.
Bewegung als Ventil: Sport baut Stresshormone ab und schüttet stimmungsaufhellende Botenstoffe aus – Joggende berichten vom „Runner's High“. Wichtig ist moderate, regelmäßige Aktivität, nicht maximale Auspowerung, die selbst zum Stressor werden kann.
Ernährung & Pausen: Regelmäßige Mahlzeiten, ausreichend Wasser und bewusste Pausen stabilisieren Energie und Stimmung. Auch Lachen und Spaß zählen: Sie senken nachweislich Anspannung – „Have fun“ ist kein Luxus, sondern Stressabbau.
Beziehungen tragen: Soziale Unterstützung ist einer der stärksten Schutzfaktoren überhaupt. Über Belastungen mit Eltern, Freunden oder Lehrkräften zu sprechen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern wirksame Stressbewältigung.

Abschnitt 7

Stress im Alltag bewältigen – wirksame Strategien

Etwas Distress lässt sich im Leben nie ganz vermeiden – aber man kann lernen, gut damit umzugehen. Die folgenden erprobten Strategien helfen, eine als belastend erlebte Situation zu entschärfen. Nicht jede passt zu jedem; es lohnt sich, mehrere auszuprobieren.

Den Stressor benennen: Wer genau erkennt, was stresst, kann gezielt handeln. Beispiel: Steckt hinter dem Stress eigentlich Ärger, lohnt die Frage, worüber man sich genau ärgert.
Eins nach dem anderen: Wenn sich vieles türmt, hilft die Frage „Was kann ich jetzt ändern? Was kann warten? Was lässt sich gar nicht ändern?“ – und dann ein Schritt nach dem anderen.
Ins Handeln kommen: Statt ein Problem nur zu durchgrübeln, eine Entscheidung treffen und umsetzen. Optionen abwägen, die beste wählen – aktiv werden entlastet.
Zeit klug einteilen: Wichtiges zuerst, Prioritäten setzen – und ruhig auch einmal „nein“ sagen, wenn die Zeit für eine zusätzliche Aufgabe fehlt. Gutes Zeitmanagement ist gelebte Stressprävention.
Akzeptieren, was nicht änderbar ist: Nicht jedes Problem lässt sich lösen. Dann hilft es, Fehler als menschlich anzunehmen, daraus zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen.
Positiv denken & umdeuten: Positive Gedanken senken Distress. Einen Stressor als Herausforderung statt als Bedrohung zu sehen, verändert die ganze Reaktion – „Ich schaffe das“ statt „Ich falle bestimmt durch“.
Probleme nicht verstecken: Belastungen zu verdrängen oder zu überspielen führt meist zu mehr Stress. Ansprechen und angehen ist auf Dauer entlastender.
Kleinigkeiten klein sein lassen & flexibel bleiben: Vieles im Alltag ist die Aufregung schlicht nicht wert. Wer lernt, sich anzupassen und „mitzubiegen“ statt zu zerbrechen, kommt mit Veränderungen besser zurecht.
Zur Ruhe kommen & ablenken: Ein ruhiger Ort, langsames Atmen, eine angenehme Vorstellung oder Musik beruhigen den Kopf. Auch Bewegung wirkt als „Auszeit“: Eine nicht-wettkampfmäßige Aktivität bringt den Kopf auf andere Gedanken.
Im Unterricht: Diese Liste eignet sich hervorragend als Reflexions- oder Sortieraufgabe – etwa „Welche drei Strategien probiere ich diese Woche aus?“ oder als Kartenset zum Ordnen nach „passt zu mir / passt nicht“. So wird aus Wissen konkretes Handeln.
Grafik Stress im Alltag bewältigen – Übersicht wirksamer Strategien für den Umgang mit Distress im Schulalltag
Strategien Stress im Alltag bewältigen Antippen zum Vergrößern & Zoomen

📄 Strategiekarten: Stressabbau im Alltag →

Abschnitt 8

Prüfungs- und Wettkampfstress meistern

Klassenarbeit, Vorspiel, Wettkampf: Situationen, in denen man bewertet wird und vor anderen besteht, lösen besonders intensiven Stress aus. Die gute Nachricht – auch Profis kennen das, und es gibt erprobte Strategien dagegen.

Erfahrung beruhigt: Fast alle Menschen sind die ersten Male nervös, wenn sie auftreten oder antreten. Mit jeder Wiederholung wird es leichter – das zu wissen, nimmt schon im Vorfeld Druck. „Beim ersten Mal aufgeregt sein“ ist normal, kein Versagen.
Vorbereitung schlägt Angst: Wer gut vorbereitet und geübt ist, erlebt eher Eu- als Distress. Realistisches Üben unter ähnlichen Bedingungen (z. B. Probevortrag, Wettkampfsimulation, ruhig auch mit Publikum) nimmt der Situation den Schrecken.
Vermeiden ist keine gute Dauerlösung: Man kann stressige Situationen umgehen – verpasst dann aber auch Schönes und Chancen, an denen man wachsen würde. Besser ist, den Stress bewältigen zu lernen, statt der Sache aus dem Weg zu gehen.
Routinen geben Sicherheit: Eine feste Abfolge vor dem Ernstfall – immer dieselben Aufwärmschritte, ein kurzer Atemzyklus, ein bestimmtes Ritual – schafft Kontrolle und Vertrautheit, gerade wenn drumherum alles aufregend ist.
Mentales Kopfkino nutzen: Sich vorab lebhaft vorzustellen, wie man die Situation ruhig und sicher meistert, bahnt im Gehirn den Erfolg an. Viele erfahrene Wettkämpfer stellen sich im Ernstfall vor, sie wären entspannt wie im Training.
Atmen als Soforthilfe: Ein tiefer Atemzug vor dem Start, dem Freiwurf oder dem Solo – und bei aufkommender Anspannung bewusst langsamer atmen. Der Atem ist das einzige vegetative System, das sich willentlich steuern lässt: der schnellste Zugang zur Beruhigung.
Akzeptieren, was nicht steuerbar ist: Gegner, Wetter, Bewertung – vieles liegt außerhalb der eigenen Kontrolle. Den Fokus auf Beeinflussbares zu lenken (eigene Vorbereitung, Einstellung, Einsatz) entlastet spürbar.
Im Unterricht: Kurze Atem- oder Anspannungs-Entspannungs-Übungen lassen sich direkt vor Leistungssituationen oder nach intensiven Phasen einbauen, um die Gruppe zu zentrieren. Auch Lehrkräfte und Referendar:innen profitieren – Stressregulation vor der Lerngruppe vorzuleben, ist selbst ein Lernanlass.
Grafik zum Meistern von Prüfungs- und Wettkampfstress – Übersicht erprobter mentaler Strategien
Strategie Prüfungs- und Wettkampfstress meistern Antippen zum Vergrößern & Zoomen

Abschnitt 9

Hilfe holen – wenn Selbsthilfe nicht reicht

Manchmal reichen eigene Strategien nicht aus – und das ist völlig normal. Hält Stress lange an oder wird zu groß, ist es ein Zeichen von Stärke, sich Unterstützung zu suchen.

Erste Anlaufstellen in der Schule: Vertrauenslehrkraft, Beratungslehrkraft, Schulsozialarbeit oder Schulpsychologie behandeln Anliegen vertraulich und kennen die nächsten Schritte.
Im persönlichen Umfeld: Eltern, Familie und Freundeskreis sind oft die wichtigsten ersten Gesprächspartner. Schon das Aussprechen entlastet und ordnet die Gedanken.
Professionelle Hilfe: Bei länger anhaltenden Problemen helfen Hausärzt:innen, psychologische Beratungsstellen oder Psychotherapeut:innen weiter. Für Wettkampfangst gibt es zudem spezialisiertes Mentaltraining.
Anonyme Angebote: Beratungstelefone und Online-Angebote (z. B. „Nummer gegen Kummer“) ermöglichen niedrigschwellige, anonyme Hilfe – ein wichtiger Hinweis, den Schülerinnen und Schüler kennen sollten.
Kernbotschaft für die Lerngruppe: Sich Hilfe zu holen ist kein Versagen, sondern eine Kompetenz. Wer früh über Belastungen spricht, verhindert, dass aus Stress eine ernste Krise wird.

🧘 Praxisecke: Entspannungsübungen

Atem-, Muskel- und Achtsamkeitsübungen mit Schritt-für-Schritt-Anleitung – sofort einsetzbar, allein oder in der Lerngruppe. Öffnet sich als übersichtliche Sammlung.

Stundenplan · Übungsprotokoll

Quellen & Hintergrund

Grundlagen dieser Seite

Die Inhalte verbinden gesundheits- und stresswissenschaftliche Grundlagen mit dem schulsportlichen Bildungsauftrag in NRW (Perspektive „Gesundheit fördern, Gesundheitsbewusstsein entwickeln“) und aktuellen Bezügen aus der Lebenswelt Jugendlicher. Die schülernahe Aufbereitung von Eustress/Distress, körperlichen Stresssignalen, Wettkampfstress und Entspannungsübungen orientiert sich an einem etablierten Schul-Lehrwerk zur Gesundheits- und Fitnessbildung.

Corbin, C. B. & Le Masurier, G.: Fitness for Life (Human Kinetics), Kapitel 17 „Stress Management“, S. 294–302. Primärquelle für Eustress & Distress, körperliche Stressoren und Stresszeichen, die Bewältigung von Wettkampfstress (Self-Management Skill) sowie die Entspannungsübungen (contract-relax / progressive Muskelentspannung).
Selye, Hans (1956): The Stress of Life sowie Selye (1936, Nature). Ursprung und Grundlage des Allgemeinen Anpassungssyndroms (GAS) mit den drei Phasen Alarmreaktion, Widerstand und Erschöpfung.
Jacobson, Edmund: Progressive Muskelentspannung (PMR). Wissenschaftlich begründetes Entspannungsverfahren über bewussten Wechsel von An- und Entspannung – Grundlage der „contract-relax“-Übungen in der Praxisecke.
World Health Organization: Constitution. Breiter Gesundheitsbegriff (körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden) als Bezugsrahmen dafür, dass Stress- und Entspannungskompetenz Teil von Gesundheit ist.
Schulsport NRW – Pädagogischer Orientierungsrahmen: Perspektive „Gesundheit fördern, Gesundheitsbewusstsein entwickeln“ als Legitimation von Stress- und Entspannungsbildung im Sportunterricht (Wahrnehmen und Regulieren von Anspannung).